Schienengüterverkehr kämpft trotz positiver Aussichten

Björn-Bohlmann

Korridorgüterverkehr historische Achillesferse - Industrie- und Heimmarkt-Player im Vorteil

Stuttgart/Wien – Trotz positiver Wirtschaftsaussichten und der politischen Willensbildung zur Verlagerung grenzüberschreitender Transportgüter von der Straße auf die Schiene: Der europäische Schienenverkehr (SGV) kämpft um Profitabilität und Auslastung. Das geht aus einer neuen Studie von Horvàth & Partners hervor, für die das Logistik-Kompetenzzentrum der Management-Beratung die europäischen Eisenbahnmärkte Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Schweiz und Österreich untersucht hat. Chancen sieht Studienautor Björn Bohlmann vor allem für Spezialisten und innovative neue Geschäftsmodelle.

Mit der vollständigen Liberalisierung des europäischen Schienengüterverkehrs haben sich die Markt- und Wettbewerbsbedingungen grundlegend verändert, so Bohlmann. Neue Player, wachsende grenzüberschreitende Transporte, die zunehmende Integration industrieller Wertschöpfungsketten und Kundenbedürfnisse im E-Commerce sind Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Umso wichtiger werden Positionierung und Geschäftsmodell, Kosten und Auslastung, die Absicherung bestehender Marktanteile und die Nutzung neuer Marktchancen und Wachstumspotenziale. Positiv sehen die Horváth-Experten dabei u.a. die beabsichtigte Senkung der Trassenpreise im deutschen Schienengüterverkehr.

Kleinvolumige Sendungen wachsen

Während das einstige Rückgrat des Schienengüterverkehrs – hohe Transportvolumina im klassischen Massen- und Schüttgüterverkehr – an Bedeutung verliert, wächst das Aufkommen kleinvolumiger Sendungen hochwertiger Güter, Halb- und Fertigerzeugnisse, prognostizieren die befragten Unternehmen. Gleichzeitig werden die Anforderungen an Gütertransporte immer anspruchsvoller. Industrie und Handel integrieren Transportdienstleistungen in ihre Wertschöpfungsketten und fordern mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an den Bedarf. Der wachsende E-Commerce beschleunigt die Verschiebungen des Aufkommens und der logistischen Ansprüche zusätzlich und setzt den Schienengüterverkehr im Wettbewerb mit der Straße zusätzlich unter Preisdruck.

Viele neue, kleine Player

Seit der vollständigen Liberalisierung 2007 sind eine Vielzahl neuer SGV-Unternehmen in den Markt eingetreten, die den Wandel mit hoher Dynamik vorantreiben. Zugleich bestehen Überkapazitäten, insbesondere in der Instandhaltungsinfrastruktur und der Rollmaterialkapazitäten. Der hiermit einhergehende wirtschaftliche Druck zur Auslastung der eigenen Kapazitäten und zur Deckung der Fixkosten verstärkt den ohnehin schon hohen Preisdruck. Der fortwährende „Kampf um die schwarze Null“ lässt den Unternehmen so nur wenig Spielraum für größere (Ersatz-)Investitionen und Innovationen, analysiert Bohlmann. Die Antwort könne daher nur lauten, die Kostenwahrheit für alle Beteiligten zu erhöhen.

Chancen für Innovation

In jedem Fall spielen die großen Trends den europäischen SGV-Unternehmen in die Hände. So nimmt die durchschnittliche Transportweite durch die fortschreitende wirtschaftliche Integration zu, während sich auf der Straße Infrastruktur-Engpässe abzeichnen. Auch die politischen Bemühungen zur Stärkung des Schienenverkehr eröffnen neue Chancen. Darüber hinaus versprechen intermodale Transportangebote und neue Kooperationen wie Innovationen mit branchenfremden Neueinsteigern aus Industrie und IT Marktchancen und Wachstum, nicht zuletzt als Folge des Verkehrsaufkommens, das laut den befragten Experten in den Eisenbahnunternehmen insgesamt weiter zunehmen wird.

Muster in der wirtschaftlichen Performance

Während Industriebranchen-Spezialisten und Heimatmarkt-Spieler unter den SGV-Unternehmen mit ihrer privaten Eigentümerstruktur und fokussierten Geschäftsmodellen meist profitabel operieren, stehen die oft nur formell privatisierten (staatlichen) Korridor-Spezialisten vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Sie müssten Restrukturierung, Kostenflexibilisierung und Weiterentwicklung der Produktionssysteme, insbesondere im Einzelwagenverkehr, deutlich stärker vorantreiben, was aber häufig durch öffentliche Eigentümerstrukturen erschwert wird. Gleichzeitig sollten die Korridor-Unternehmen ihre grenzüberschreitenden Kooperationen und Beteiligungen stärker integrieren, um ihre Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

SGV-Unternehmen am Heimatmarkt stehen insbesondere vor der Frage, wie sie neue Wachstumspotenziale generieren können, um den Markt- und Wettbewerbsdruck abzufedern und wie sie Kostenpositionen weiter verbessern, um die Profitabilität langfristig abzusichern.

Dasselbe gilt für die Industrie-Spezialisten: Sie müssten ihre wirtschaftliche Performance weiter schärfen. Zur dauerhaften Einbindung in den Mutterkonzern haben Effizienzthemen strategische Relevanz, da die Konzernmütter typischerweise ihren Kostendruck weiterreichen und klare Produktivitätsfortschritte einfordern. Die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells zur Stärkung des Drittgeschäfts kann dabei nicht nur helfen, Auslastungsvorteile zu generieren, sondern zugleich die Abhängigkeit vom Mutterkonzern zu reduzieren.

Der "Branchenreport Schienengüterverkehr" – Geschäftsmodelle und Erfolgsfaktoren im europäischen Schienengüterverkehr (April 2018) ist erhältlich bei Horváth & Partners Düsseldorf. duesseldorf@horvath-partners.com

Über Horváth & Partners

Horváth & Partners ist eine international tätige, unabhängige Managementberatung mit Sitz in Stuttgart. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 800 hochqualifizierte Mitarbeiter an Standorten in Deutschland, Österreich, Rumänien, der Schweiz, Ungarn, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Kernkompetenzen sind Unternehmenssteuerung und Performanceoptimierung. Horváth & Partners steht für Projektergebnisse, die nachhaltigen Nutzen schaffen. Deshalb begleitet Horváth & Partners seine Kunden von der betriebswirtschaftlichen Konzeption bis zur Verankerung in Prozessen und Systemen. http://www.horvath-partners.com

Information: Dr. Wilfried Seywald
Temmel, Seywald & Partner
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